WEBVTT - generated by Videoportal der Uni Paderborn

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00:00:12.208 --> 00:00:12.416
Guten

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00:00:12.416 --> 00:00:15.916
Tag, liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, liebe
Zuschauerinnen und Zuschauer.

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00:00:16.625 --> 00:00:22.500
Wir beginnen mit einer kleinen Serie über
interkulturelle Gegenwartsliteratur

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00:00:22.916 --> 00:00:25.583
und ich möchte Ihnen heute in einem kurzen

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00:00:26.750 --> 00:00:31.250
Statement die Autorin Emine Sevgi Özdamar
vorstellen.

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00:00:31.708 --> 00:00:38.291
Emine Sevgi Özdamar wurde 1946 in Malatya
in der Türkei geboren,

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00:00:38.541 --> 00:00:41.083
und als sie Abitur gemacht hatte, ging sie
dann

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00:00:41.125 --> 00:00:45.250
in den Neunzehnhundertsechzigerjahren für
einige Zeit als Gastarbeiterin

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00:00:45.791 --> 00:00:50.583
nach Berlin und ging kurzzeitig wieder zurück
und lebt

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00:00:50.625 --> 00:00:54.583
aber dann seit den 70er Jahren in Deutschland

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00:00:54.916 --> 00:01:00.000
und sie ist also eine sehr bekannte Vertreterin

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00:01:00.000 --> 00:01:04.000
von dem, was wir zunächst mit dem Titel Migrationsliteratur
bezeichnen können.

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00:01:05.000 --> 00:01:09.000
Die Migrationsliteratur zeichnet sich dadurch
aus, dass

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00:01:10.000 --> 00:01:14.000
in den Texten die Erfahrung von Migration dargestellt
wird.

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00:01:15.000 --> 00:01:15.000
Beziehungsweise,

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00:01:15.000 --> 00:01:20.000
dass der Übergang von einer Kultur in eine
andere dargestellt wird.

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00:01:20.000 --> 00:01:22.000
Wobei wir hier bei Emine Sevgi Özdamar

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00:01:23.000 --> 00:01:23.000
vor allen Dingen

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00:01:23.000 --> 00:01:25.000
das Phänomen haben, einer

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00:01:25.000 --> 00:01:30.000
Autorin zu begegnen, die nicht mit Deutsch
als Muttersprache aufgewachsen

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00:01:30.000 --> 00:01:34.000
ist, sondern erst relativ spät in ihrem Leben
Deutsch gelernt hat.

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00:01:34.000 --> 00:01:36.000
Dann aber auf Deutsch geschrieben hat.

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00:01:36.000 --> 00:01:40.000
Und ihre Texte reflektieren sprachlich wie
kulturell,

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00:01:40.000 --> 00:01:45.000
also eine mehrfach Zugehörigkeit. Sie

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00:01:46.000 --> 00:01:49.000
reflektieren den Übergang von einer Kultur
zur anderen,

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00:01:49.000 --> 00:01:54.000
aber sie reflektieren natürlich auch eine
doppelte kulturelle Zugehörigkeit,

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00:01:55.000 --> 00:01:57.000
die sich eben in den Texten manifestiert.

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00:01:57.000 --> 00:02:02.000
Wichtige Publikationen waren 1992

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00:02:02.000 --> 00:02:08.000
Das Leben ist eine Karawanserei, 1997 Die Brücke
vom Goldenen Horn.

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00:02:08.000 --> 00:02:12.000
Das sind zwei sehr stark autobiografisch inspirierte
Romane

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00:02:12.000 --> 00:02:17.000
und zuletzt wurde sie noch mal bekannt durch
den Roman

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00:02:17.000 --> 00:02:22.000
Ein von Schatten begrenzter Raum aus dem Jahre
2021.

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00:02:22.000 --> 00:02:23.000
Sie bekam

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00:02:24.000 --> 00:02:27.000
sehr früh als erste Autorin nichtdeutscher
Muttersprache

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00:02:28.000 --> 00:02:33.000
den Ingeborg Bachmann Preis und 2021 den sehr
renommierten Büchnerpreis.

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00:02:33.000 --> 00:02:39.000
Es ist also sozusagen im Mainstream der deutschsprachigen
Literatur angekommen,

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00:02:39.000 --> 00:02:44.000
und ich werde Ihnen kurz die beiden genannten
Romane vorstellen.

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00:02:45.000 --> 00:02:47.000
Zunächst also Das Leben ist eine Karawanserei.

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00:02:48.000 --> 00:02:52.000
In diesem Roman beschreibt Emine Sevgi Özdamar
die

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00:02:54.000 --> 00:02:58.000
die Kindheit und Jugend eines Mädchens in
der Türkei

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00:02:58.000 --> 00:03:05.000
in den 1950er und 1960er Jahren und sie beschreibt
es auf eine Weise,

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00:03:06.000 --> 00:03:10.000
die Epoche gemacht hat in der deutschsprachigen
Gegenwartsliteratur,

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00:03:11.000 --> 00:03:12.000
weil sie nämlich

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00:03:14.000 --> 00:03:15.000
ein Deutsch

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00:03:15.000 --> 00:03:19.000
geschrieben hat, das sehr stark vom Türkischen
beeinflusst ist.

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00:03:19.000 --> 00:03:25.000
Und die Autorin wendet sich gegen orientalistische
Zuweisungen,

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00:03:25.000 --> 00:03:30.000
also der Orient, wird nicht als etwas Schreckliches,
Rückständiges dargestellt.

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00:03:30.000 --> 00:03:35.000
Es gibt zwar auch massive Kritik an den Zuständen
in der Türkei,

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00:03:35.000 --> 00:03:38.000
an konservativen Strukturen aber, die

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00:03:40.000 --> 00:03:45.000
der Diskurs des Romans speist sich eben auch
aus den kulturellen

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00:03:46.000 --> 00:03:50.000
Zugehörigkeiten der Autorin zu der Kultur
der Türkei.

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00:03:50.000 --> 00:03:53.000
Und das möchte ich Ihnen an einem Textausschnitt
verdeutlichen.

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00:03:54.000 --> 00:03:58.000
“Als die Buchstaben aus dem Mund meiner Großmutter
im Himmel des Friedhofs

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00:03:58.000 --> 00:04:00.000
eine schöne Stimme und ein schönes Bild wurden,

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00:04:00.000 --> 00:04:04.000
pustete meine Großmutter sie mit ihrem Atem
nach links und rechts.

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00:04:04.000 --> 00:04:07.000
Die Toten brauchen es. Ich sah die Buchstaben.

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00:04:08.000 --> 00:04:12.000
Manche sahen aus wie ein Vogel, manche wie
ein Herz, an dem ein

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00:04:12.000 --> 00:04:17.000
Pfeil steckt, manche wie eine Karawane, manche
wie schlafende Tiere,

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00:04:17.000 --> 00:04:21.000
manche wie ein Fluss, manche wie im Wind auseinander
fliegende Bäume,

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00:04:21.000 --> 00:04:26.000
manche wie laufende Schlangen, manche wie unter
Regen und Wind frierende Bäume.

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00:04:26.000 --> 00:04:27.000
Großmutter, wo ist der Tod?

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00:04:27.000 --> 00:04:31.000
Meine Großmutter sagte: Der Tod ist zwischen
Augenbrauen und Augen.

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00:04:31.000 --> 00:04:32.000
Ist das weit weg?

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00:04:32.000 --> 00:04:37.000
Dann lief sie von einem Tor zum anderen, pustete
weitere Buchstaben aus.

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00:04:37.000 --> 00:04:41.000
Bilder, die jetzt unter der Sonne wie Bilder
aus Licht aussahen.

66
00:04:41.000 --> 00:04:43.000
Dabei hielt sie ihre Hände vor ihrer Brust

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00:04:44.000 --> 00:04:47.000
offen, als ob sie gerade zwei kleine Wassermelonen
tragen würde.”

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00:04:48.000 --> 00:04:52.000
Sie sehen also hier der Bezug zu den arabischen
Buchstaben, der Bezug

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00:04:52.000 --> 00:04:57.000
zu einer traditionellen türkischen Kultur,
manifestiert durch die Großmutter.

70
00:04:57.000 --> 00:05:02.000
Und mit diesem Roman ist also sozusagen das
türkische, auch

71
00:05:02.000 --> 00:05:07.000
die islamisch arabische Tradition in die deutsche
Literatur eingezogen.

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00:05:07.000 --> 00:05:11.000
Gleichzeitig geht es aber auch um die Emanzipation

73
00:05:11.000 --> 00:05:17.000
und Selbstbestimmung eines jungen Mädchens
innerhalb dieser traditionellen Kultur.

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00:05:17.000 --> 00:05:18.000
Und die Figur der Großmutter,

75
00:05:18.000 --> 00:05:23.000
die wir in diesem Textauszug gesehen haben,
ist also gleichzeitig eigentlich

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00:05:23.000 --> 00:05:28.000
eine Zeugin für die Tradition auch der religiösen
Kultur, gleichzeitig

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00:05:28.000 --> 00:05:35.000
aber auch für eine selbstbewusste weibliche
Tradition innerhalb der Türkei.

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00:05:36.000 --> 00:05:37.000
So hat also der

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00:05:37.000 --> 00:05:40.000
Roman Das Leben ist eine Karawanserei

80
00:05:41.000 --> 00:05:45.000
die türkische Kultur in die deutsche Kultur
gebracht.

81
00:05:45.000 --> 00:05:49.000
Das war 1992 und 1997 legt dann

82
00:05:49.000 --> 00:05:53.000
Emine Sevgi Özdamar den Roman Die Brücke
vom Goldenen Horn vor.

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00:05:54.000 --> 00:05:59.000
Und hier werden also jetzt Erfahrungen der
Migration im engeren Sinne behandelt.

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00:05:59.000 --> 00:06:04.000
Eine junge Frau, ganz, ganz stark angenähert
an die Autorin,

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00:06:05.000 --> 00:06:10.000
kommt nach Berlin und arbeitet dort in einer
Radio Fabrik

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00:06:10.000 --> 00:06:12.000
und ihre Erlebnisse werden beschrieben.

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00:06:12.000 --> 00:06:15.000
Und auch hier ist die Sprache von besonderer
Bedeutung.

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00:06:15.000 --> 00:06:19.000
Die Sprache der Migrationsliteratur ist hybrid.

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00:06:19.000 --> 00:06:25.000
Sie verbindet türkische und deutsche Elemente
und sie ist herrschaftskritisch.

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00:06:26.000 --> 00:06:30.000
Ich lese eine erste Passage vor aus der Radio
Fabrik:

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00:06:31.000 --> 00:06:34.000
“Mit dem rechten Auge hinter der Lupe konnte
man mit der Pinzette

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00:06:34.000 --> 00:06:37.000
die dünnen Drähte der kleinen Radiolampen
biegen.

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00:06:37.000 --> 00:06:41.000
Die Drähte waren wie die Beine einer Spinne,
sehr fein,

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00:06:41.000 --> 00:06:43.000
ohne Lupe, fast unsichtbar.

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00:06:43.000 --> 00:06:45.000
Der Fabrikchef hieß Herr Schering.

96
00:06:45.000 --> 00:06:48.000
Schering sagten die Frauen. Chair sagten sie
auch.

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00:06:48.000 --> 00:06:50.000
Dann klebten sie Herr an Chair.

98
00:06:51.000 --> 00:06:55.000
So hieß er in manchen Frauenmündern, Herrscherin
oder Herrscher.”

99
00:06:56.000 --> 00:06:57.000
Wir sehen also hier

100
00:06:57.000 --> 00:07:01.000
das kreative Spiel mit der deutschen Sprache
aus dem Türkischen heraus

101
00:07:01.000 --> 00:07:02.000
betrachtet, führt

102
00:07:02.000 --> 00:07:07.000
zu einer herrschaftskritischen und auch komischen
Perspektivierung

103
00:07:07.000 --> 00:07:11.000
der Beziehung zwischen den Arbeiterinnen und
dem Chef.

104
00:07:12.000 --> 00:07:16.000
Dann gibt es Elemente von Mehrsprachigkeit
in diesem Roman.

105
00:07:16.000 --> 00:07:18.000
Ich lese eine weitere Passage:

106
00:07:18.000 --> 00:07:22.000
“Aus dem linken Busfenster sah ich den Anhalterbahnhof,

107
00:07:22.000 --> 00:07:25.000
der wie das Hebbel-Theater gegenüber unserem
Wohnheim stand.

108
00:07:26.000 --> 00:07:28.000
Wir nannten ihn den zerbrochenen Bahnhof.

109
00:07:28.000 --> 00:07:33.000
Das türkische Wort für zerbrochen bedeutet
gleichzeitig auch beleidigt.

110
00:07:33.000 --> 00:07:38.000
So hieß er auch, der beleidigte Bahnhof.”
Sie sehen hier also über “zerbrochen”

111
00:07:39.000 --> 00:07:44.000
kommt eine Assoziation auf “beleidigt”
und in einem anderen Kontext wird gesagt:

112
00:07:44.000 --> 00:07:49.000
“Die Berliner auf den Straßen wirken immer
so, als wären sie beleidigt.”

113
00:07:49.000 --> 00:07:54.000
Und so ist also der Anhalterbahnhof in einer
deutsch-türkischen Variation

114
00:07:54.000 --> 00:08:00.000
zum beleidigten Bahnhof geworden und die Erfahrungen
der Gastarbeiterinnen

115
00:08:00.000 --> 00:08:04.000
zeigen sich in einer kreativen wirklich deutsch-türkischen
Sprache.

116
00:08:04.000 --> 00:08:07.000
Das zeigen wir noch an einem weiteren Beispiel:

117
00:08:07.000 --> 00:08:10.000
“Wenn wir drei Mädchen in unser Wohnheim
zurückkamen,”

118
00:08:10.000 --> 00:08:11.000
also drei Mädchen,

119
00:08:11.000 --> 00:08:14.000
die zum ersten Mal in so Kneipen usw.

120
00:08:14.000 --> 00:08:16.000
gehen, “dann liefen die ersten Frauen

121
00:08:16.000 --> 00:08:18.000
schon in ihren Nachthemden über den Korridor.

122
00:08:18.000 --> 00:08:22.000
Sie sagten Ihr habt euch von euren Vätern
und Müttern abgeschnitten.

123
00:08:22.000 --> 00:08:26.000
Eure Väter und Mütter sollten euch mit Seilen
an sich binden.

124
00:08:26.000 --> 00:08:28.000
Ihr werdet euren Diamanten verlieren.

125
00:08:28.000 --> 00:08:31.000
Die Knochen eurer Toten werden wegen euch Schmerzen
bekommen.”

126
00:08:33.000 --> 00:08:35.000
Die letzte Formulierung “Die Knochen eurer
Toten

127
00:08:36.000 --> 00:08:41.000
werden wegen euch Schmerzen bekommen”, ist
ein interessantes Stilmittel.

128
00:08:41.000 --> 00:08:42.000
Hier wird also offensichtlich

129
00:08:42.000 --> 00:08:48.000
eine türkische Redewendung unmittelbar ins
Deutsche übersetzt und damit wird

130
00:08:48.000 --> 00:08:54.000
wie in anderen Kontexten das Türkische in
die deutsche Sprache hinein geholt.

131
00:08:54.000 --> 00:08:55.000
Und wir können

132
00:08:55.000 --> 00:09:00.000
hier in einem ganz wesentlichen Sinne von deutsch-türkischer
Literatur sprechen.

133
00:09:01.000 --> 00:09:06.000
Emine Sevgi Özdamar hat somit mit ihrer Form
der Migrationsliteratur

134
00:09:06.000 --> 00:09:11.000
die deutsche Gegenwartsliteratur in gewisser
Weise revolutioniert

135
00:09:11.000 --> 00:09:23.000
und ganz neue inhaltliche und sprachliche Akzente
gesetzt.

